Buchbesprechung/Rezension:

Michal Hvorecky: Troll

Troll
verfasst am 01.10.2018 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Hvorecky, Michal
Genre:
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Schon selbst gelesen? Gib hier Deine Bewertung zum Buch ab!
[Gesamt: 0 Durchschnitt: 0]

Vor 15 Jahren hätte ich jeden ausgelacht, der eine beinahe weltumspannenden Renaissance der Nationalisten, der Rechtsextremen vorausgesagt hätte. Heute, im Jahr 2018, steht die Demokratie vor der Herausforderung, die Gegner der Demokratie mit demokratischen Mitteln abzuwehren. Denn genau hier liegt unser Problem: die Gegner bedienen sich ungeniert der demokratischen Mittel um an die Macht zu kommen.

Zu diesem Mitteln gehört seit Jahren an vorderster Front die Verbreitung von Lügen und zurechtgeschnitzten Halbwahrheiten übers Internet, inbesondere in den Sozialen Medien. Aber das würde nicht funktionieren, gäbe es nicht diese Vielzahl an Leuten, die sich bereitwillig alle möglichen Lügen auftischen lassen, die nach dem starken Mann rufen, die einer Nachricht im Internet dann umso mehr glauben, wenn diese von sich behauptet, sie würde eine neue Machenschaft, ein neues Geheimnis derer „da oben“ enthüllen – da können alle Wissenschafter und Experten der Welt das Gegenteil beweisen, geglaubt wird den Lügen der, oft rassistischen, Verschwörungstheoretiker.

Wahrheit, nachdenken, hinterfragen?
Fehlanzeige!

Da stehen wir also und müssen bei einem Buch wie „Troll“ erschüttert zur Kenntnis nehmen, dass es sich dabei gar nicht mehr um reine Utopie handelt. Denn die Trolle, die unsere Demokratie bekämpfen, die haben sich schon längst in viel zu vielen Gehirnen eingenistet. Gehirnen, die zu Menschen gehören, die laut mitschreien, aber dabei übersehen, dass sie dabei sind, ihre eigene Freiheit und die Freiheit, die eigene Meinung auszusprechen, zu untergraben.

Die Welt in diesem Buch ist eine Mischung aus Nordkorea und DDR, der Eiserne Vorhang steht wieder, nur an anderen Orten; Verschwörungstheorien, Impfgegner, Hasstiraden und gefilterte Meinungen dominieren das Internet (also gewissermaßen so, wie die Facebook-Welt heute schon oftmals aussieht).

Im Zentrum des Romanes stehen ein Nerd und seine „kaputte“ Freundin, die sich aufmachen, das Sysetm der Trolle, der gesteuerten Informationen vom innen her zu bekämpfen.

In alle dem, was tagtäglich in den sozialen Medien, in diversen Internetforen, in den Kommentaren zu lesen ist, zeigt sich andauernd die Einfluß der Trolle. Michal Hvorecky beschreibt in seinem Buch bis ins Detail, welcher Mittel sich die Trollfabriken bedienen, wie sie wie die Heuschrecken über bestimmte Themen herfallen und versuchen, die öffentliche Meinung zu steuern. So detailliert, es könnte fast ein Handbuch für Troll-Anfänger sein.

In jedem Fall kann man sich aber hier vergewissern, wenn man bei etwas, das man gerade im Internet gelesen hat, nicht ganz sicher ist; wenn bestimmte Elemente in einem Beitrag zu finden sind, dann ist der sehr wahrscheinlich von einem Troll. Und erfunden und erlogen.

Beispiele über die tatsächliche Arbeit der Trolle findet man zB. bei Zeitungsmeldungen, die über Russland und Putin berichten, die Ausländern in welcher Form auch immer zum Thema haben, wenn es um die wiederkehrende „Einzelfälle“ bei Rechtspopulistischen Parteien geht, u.ä. Da stürmen verlässlich die Rechtfertiger und Wahrheitserfinder die Kommentarfunktionen.

Das ist eines der Bücher, das wahrscheinlich nur von jenen gelesen wird, denen das Problem bewusst ist. Diejenigen aber, genau die, die einen alternativen Blick über ihre Filterblase hinaus benötigen würden, die werden das Buch nicht lesen, weil das ja sowieso alles wieder von  „denen da oben“, den „Eliten“ gesteuert ist.

Was tun, damit es nicht so weit kommt, wie Hvorecky es beschreibt?
Reden, erklären, Fakten dagegen setzen. Und vor allem: nicht aufgeben, sonst geben wir die Demokratie und die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte leichtfertig auf. Und: statt sich die Welt im Internet erklären zu lassen, sollte man öfters einfach selbst aus dem Fenster schauen. Das, was dort zu sehen ist, ist nämlich die Realität.

Das Thema des Buches ist für mich leider in eine stellenweise recht unübersichtliche Handlung verpackt. Die ansonsten aber sehr wirklichkeitstreu beschriebene Beeinflussung der öffentlichen Meinung ist aus meiner Sicht eine der größten Gefahren für unsere Demokratie – und das Buch ein sehr anschauliche Beschreibung dazu.

PS ein zentraler Satz aus dem Buch:
„Eine Lüge ist keine andere Meinung.“




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Top