Ingeborg Arvola: Der Aufbruch
Die Eismeertrilogie Band 1

Autorin/Autor: Arvola, Ingeborg
Genre:
Buchbesprechung verfasst von: Gertie
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„Vielleicht ist Gehen einfacher als Bleiben.“
Ingeborg Arvola hat, wie sie im Nachwort erzählt, für diesen historischen Roman, der uns in das Nordfinnland von 1859 entführt, Anleihen bei ihrer eigenen Familiengeschichte genommen. Denn eine ihrer väterliche Vorfahrinnen ist jene legendäre Brita Caisa Seiparjærvi, die hier in diesem ersten Teil der Trilogie die Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist.
Brita Caisa ist 35 Jahre alt und eine unverheiratete Mutter von zwei Söhnen. Auf Grund der gesellschaftspolitischen Gepflogenheiten, die Ehebruch unter Strafe stellen, wird sie einer Kirchenstrafe unterzogen, die es ihr unmöglich macht, weiter in ihrer angestammten Umgebung zu leben. Sie packt ihre wenigen Habseligkeiten, schließt sich einem Treck an und verlässt gemeinsam mit ihren Kinder das Dorf, um in Ruija, der Stadt am Eismeer, einen Neuanfang zu wagen. Sie ist fest entschlossen, einen Fischer zu heiraten und ihm eine brave Ehefrau zu sein, seine Kinder zu bekommen und eine gute Mutter zu sein. Ein herer und frommer Vorsatz!
Die geneigte Leserschaft kann sich denken, was die nahe Zukunft bringen wird …
Auf der beschwerlichen Reise kann Brita, die über medizinische Kenntnisse und heilende Kräfte verfügt, den einen oder anderen Verletzten heilen und Gebärenden helfen. Als sie dann den kinderlosen Hofbesitzer Mikko und seine Frau kennenlernt, nimmt sie auf deren Hof eine Anstellung als Magd an. Es kommt wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich in einander und recht bald machen Gerüchte über Britas Vorleben die Runde. Ältere und jüngere Männer glauben, sich sexuelle Rechte an Brita herausnehmen zu können.
„Vielleicht ist Gehen einfacher als Bleiben. Es ist nicht leicht in der alten Heimat, wenn der Hunger die Tür klopft.“
Mikko bricht sein Versprechen Brita gegenüber, seine Frau Gretha zu verlassen und Brita zieht weiter. Doch damit nicht genug, werden beide vor dem Ting des Ehebruchs angeklagt. Einige der Denunzianten fordern vor allem für Brita die biblische Strafe der Steinigung. Dass Urteil des Ting, das beide verurteilt, beschließt den ersten Teil dieser „Eismeer-Trilogie“.
Meine Meinung:
Ingeborg Arvola beschreibt in ihrem Roman eine Gesellschaft, die uns ziemlich fremd, aber dennoch vertraut erscheinen mag. Strenge bäuerliche und kirchliche Konventionen sind auch in Mitteleuropa bekannt. Mann heiratet fast ausschließlich aus wirtschaftlichen Überlegungen. Gefühle haben hier wenig Platz – und Frauen, die sich wenig um die üblichen Konventionen kümmern, auch. Wir kennen das aus Romanen, die in Österreichischen oder Südtiroler Alpentälern spielen.
Was allerdings ziemlich unbekannt ist, sind die Umbrüche in den norwegisch-finnischen Regionen, die eben stattfinden. Die nomadisch lebenden Samen werden gezwungen, sesshaft zu werden und ihre Rentierherden drastisch zu verkleinern, was mit erheblichen finanziellen Einbußen einhergeht. Zudem werden sie als Minderheit scheel angesehen. Ihre traditionelle Lebensweise wird durch Siedler, die sich des bislang scheinbar freien Landes bemächtigen, völlig umgekrempelt.
Obwohl sich die Bewohner des heutigen Finnland bereits mehrmals als „glücklichste Menschen“ bezeichnen, wirken sie rund 165 Jahre zuvor, nicht wirklich zufrieden und glücklich. Der Überlebenskampf gegen die Unbillen des Wetters und der Natur haben die Menschen hart werden lassen. Obwohl sie seit Jahrhunderten christianisiert sind, verabsäumen die Menschen es nicht, dem „kleinen Volk“, wie sie die Naturgeister nennen, ihre Gaben darzubringen. Ebenso zollen sie sichtigen Menschen mit Heilwissen ihren Respekt. Das bringt sie in Zwiespalt im Umgang mit Brita, die über altes Wissen verfügt, aber durch ihre Lebensweise ordentlich aneckt. Wobei ich ein bisschen Neid aus den Anschuldigungen der Denunzianten spüren kann.
Ingeborg Arvolas Schreibstil ist sowohl poetisch als auch ähnlich karg wie die Landschaft. Zwischendurch sind immer wieder finnische bzw. norwegische Worte eingeflochten. Auch das eine oder andere traditionelle Lied kann die interessierte Leserschaft in der Originalsprache inkl. Übersetzung kennenlernen.
Die Charaktere sind sehr gut herausgearbeitet. Vor allem Brita, ihre Protagonistin ist in ihrem eigenen Spannungsfeld, sie ist zum einen ihrer Zeit weit voraus und andererseits tief in den archaischen Vorstellungen der Gesellschaft verwurzelt, ein interessanter Charakter. Wir begleiten Brita bis ins Jahr 1862. Dramatisch ist der Augenblick als Aleksi, der ältere halbwüchsige Sohn, sich von seiner Mutter abwendet und ihr vorwirft, ihre Versprechen ihm und seinem Bruder Heikki gegenüber gebrochen zu haben.
Sehr komplex ist es, die finnischen Namen, die stellenweise auch auf Norwegisch angeführt sind, auseinander- und gleichzeitig zusammenzuhalten. Um hier den Überblick zu behalten, wer aus welcher Familie stammt, gibt es gleich zu Beginn eine Karte und ein Personenverzeichnis. Im Nachwort versucht die Autorin die Herkunft und Nomenklatur der finnischen bzw. norwegischen Namen zu erklären.
Fazit:
Ein interessantes Sittengemälde aus dem hohen Norden, dem ich gerne 5 Sterne gebe.