Buchbesprechung/Rezension:

Martin Prinz: Die letzten Tage

Die letzten Tage
verfasst am 03.03.2025 | 1 Kommentar

Autorin/Autor: Prinz, Martin
Genre:
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

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[Gesamt: 1 Durchschnitt: 5]

Ein Buch voller Intensität, aus der Perspektive der Beteiligten geschrieben.

Die Niederlage der Nazis war nur noch eine Frage weniger Tage, die russischen Armeen standen vor den Höhen der Ostalpen, die oberen Nazibonzen waren geflohen, nicht ohne zu befehlen, dass die Zurückbleibenden bis zum Ende zu kämpfen hätten, der Endsieg sein nahe, der „Führer“ hätte die Wunderwaffen zu seiner Verfügung.

Zurück blieben Parteigenossen, die sich in den Randzonen des geschrumpften „Tausendjährigen Reiches“ quasi zu Göttern aufschwangen und Todesurteile aussprachen, weil es jetzt konnten, weil ihnen jetzt diese Macht übertragen worden war.

Ich vermag nicht, die adäquaten Worte für das zu finden, was dieses Buch beschreibt, so ungeheuerlich ist alles. Es ist eine Verknüpfung aus Geschichtschronik und historischem Roman, in der eine schier unerträgliche Mischung aus Terror, Rache, Fanatismus, ideologischem Wahn, Machtrausch und pure Lust am Töten beschrieben ist.

Ob Parteifunktionäre, SS-Leute, Gendarmen, Gestapo, HJ- oder SA-Mitglieder. Die Verbrecher versammelten sich aus allen Organisationen der Nazis und nutzten die letzten Tage und Stunden Hitlerdeutschlands für zahllose Morde. Es war die Stunde der Mitläufer, derjenigen, die sich in der Überzeugung, keine Konsequenzen fürchten zu müssen, als Herren über Leben und Tod aufspielen.

Wie Martin Prinz die Ereignisse im April 1945 zusammenfasst, eröffnet sich so etwas wie eine neue Dimension im Verstehen über die damaligen Vorgänge. Hier sind es nicht die Zahlen von tausenden namenlosen Toten, die Armeen, die vorrücken, die Schlachten, die noch in den letzten Kriegstagen unendlich viele Leben forderten und ganze Städte zerstörten.

Es ist das, was im direkten Hinterland geschah, was sich in kleinen Orten zutrug, wo jeder jeden kannte. Der ganze Horror der Nazidiktatur und des Krieges ist gewissermaßen komprimiert in der Gegend rund um den Ort Reichenau im Süden Niederösterreichs. In unerträglicher Kumpanei ermordeten lokale Parteifunktionäre und Nationalsozialisten mindestens zwanzig Menschen,.

Frauen und Männer wurden wahllose abgeholt und erschossen. Warum, das war nicht wichtig, irgendjemand hatte jemanden beschuldigt, irgendjemand hatte mit jemandem eine alte Rechnung offen, irgendjemand wollte sich für eine vermeintliche Ungerechtigkeit revanchieren. Und es fanden sich auch immer genügend Fanatische, die mit Freude Kugeln in die zum Tode verurteilten jagten; und wenn man von solchen Leuten zu wenigen finden konnte, dann wurde einfach jemand auf der Straße akquiriert, um den Abzug zu ziehen

Die meisten der Täter wurden im Jahr 1947 vor Gericht gestellt, drei von ihnen wurden zum Tode verurteilt und im Mai 1948 hingerichtet. Einige der Täter begingen Selbstmord, einige Mittäter erhielten Haftstrafen, wurden aber schon nach wenigen Jahren auf Bewährung freigelassen.

Ein zutiefst erschütterndes Buch, das, neben den reinen historischen Fakten, in verstörender Weise aufzeigt, was geschehen kann (und wohl auch meist geschieht), wenn Macht in falsche Hände gerät.




Ein Kommentar

  • Gertie sagt:

    Dieses Buch über drei Nazis, die sich selbst als Herrscher über Leben und aufgeschwungen haben, macht mich wütend, weil die drei Täter beim nachfolgenden Gerichtsprozess keinen Ansatz von Reue zeigen, aber von der Justiz genau jene Dinge fordern, die sie ihren Opfern vorenthalten haben.

    So verweisen die Anwälte darauf, dass der Tag der Hinrichtung, der Pfingstmontag, ein katholischer Feiertag, sei, an dem aus religiösen Gründen kein Urteil vollstreckt werden dürfe. Auch die seelischen Qualen der Verurteilten, die sie erleiden müssen, weil die Hinrichtung durch ein von ihnen gestelltes Wiederaufnahmeverfahren, zunächst ausgesetzt worden ist, führen sie ins Treffen.

    So viel Chuzpe muss man erst einmal haben! Wer von ihnen hat sich um die seelischen und körperlichen Qualen ihrer Opfer gekümmert?

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